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Montag, 26. September 2016
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Tobias Clausnitzer: "Liebster Jesu, wir sind hier, dich und dein Wort anzuhören"

Von Prof. Dr. Karl-Hermann Kandler

Vielfach wurde früher der Schulunterricht, besonders der Religionsunterricht, mit dem Lied begonnen: "Liebster Jesu, wir sind hier, dich und dein Wort anzuhören". Im 17. und 18. Jahrhundert dagegen sang man es meist vor Beginn der Predigt. Dahin gehört es auch seinem Inhalt nach.
Sein Dichter, Tobias Clausnitzer, wurde 1618 oder 1619 in Thum im Erzgebirge geboren. Bis 1642 studierte er - also während des Dreißigjährigen Krieges - in Leipzig und erwarb dort den Titel eines Lizentiaten der Theologie. Seit 1644 begleitete er dann ein schwedisches Regiment als Feldprediger. Als solcher ging es ihm vor allem um den Frieden, den Jesus Christus in die Welt gebracht hat und der sich auch in ihr auswirken will. So veröffentlichte er 1645 die Friedensschrift "Friedenstraum des Meißnischen Zion aus dem 126. Psalm" und 1648 die Schrift "Fröhlicher Friedensboth". Als bekannt wurde, daß endlich der Westfälische Friede geschlossen sei, hielt er am Neujahrstag 1649 die Festpredigt zur Feier dieses Friedensschlusses in Weiden. Hier wurde er dann auch bald Pfarrer und nach wenigen Jahren pfälzischer Kirchenrat.
Die Oberpfalz war während des Dreißigjährigen Krieges vom bayrischen Herzog besetzt worden. Sogleich ließ er die Gegenreformation durchführen. Jetzt nach dem Friedensschluß sollten die Kirchen und aller kirchlicher Besitz wieder in die Hände der lutherischen und reformierten Gemeinden zurückfallen. Dagegen wehrte sich der bayrische Herzog (jetzt Kurfürst). Als der Jesuitenpater Gregorius die reformatorischen Christen "verloffene Buben, Bärenhäuter und Schelme" nannte und die Übereignung aller Kirchen an die römischen Katholiken forderte, wandte sich Clausnitzer an den schwedischen General von Königsmarck um Vermittlung. Mehr war aber nicht zu erreichen, als daß die reformatorischen und die römisch-katholischen Gemeinden je die Hälfte der Kirchen, Pfarrhäuser, Schulen und des übrigen Besitzes erhielten. Gestorben ist Clausnitzer am 7. Mai 1684 in Weiden.
Zwei seiner Lieder steht im Evangelischen Gesangbuch, neben dem erwähnten noch das Passsionslied "Herr Jesu, deine Angst und Pein" (Nr. 89). Daneben ist Clausnitzer auch als Verfasser von Erbauungsschriften hervorgetreten, so 1662 mit der Schrift "Passionsblume oder Trauriges Schaubild der ganzen mitleidigen Natur über dem hochschmerzlichen Leiden und Sterben unseres gekreuzigten Herrn Jesus". Er stand dem Pegnitzer Blumenorden nahe, einer literarischen Gesellschaft seiner Zeit.
In dem Lied "Liebster Jesu, wir sind hier" betont der Dichter, daß im Predigtwort Jesus selbst zur Gemeinde spricht. Er gibt der in der Bibel begründeten reformatorischen Auffassung Ausdruck, daß unser natürliches Wissen, unser Verstand, von göttlichen Dingen nichts versteht und unser Wille an sich nichts Gutes tun kann. Gott muß uns seinen Heiligen Geist geben, um das Gute zu erkennen und es zu tun. Die barocke Sprache der Zeit ist uns heute vielleicht etwas fremd, doch behält das Lied, das in viele Sprachen übersetzt ist und in vielen Kirchen auch außerhalb Europas gesungen wird, seine Geltung. Von einem Zwickauer wird erzählt, daß er beim Gesang dieses Liedes immer niedergekniet sei, Befragt, antwortete er: "Ich habe viel hundert Predigten gehört, aber ohne alle Frucht und Nutzen, anjetzo aber gehen mir die Augen auf, daß ich sehe, woran es mir gefehlet, nemlich an Andacht und Eifer. Damit nun alle irdischen Gedanken von mir weichen, bitte ich Gott fußfällig und demüthig, daß er mein Herz in dieser Stunde zu sich ziehe."


Liebster Jesu, wir sind hier,/ dich und dein Wort anzuhören;/
lenke Sinnen und Begier / auf die süßen Himmelslehren,/
daß die Herzen von der Erden / ganz zu dir gezogen werden.

Unser Wissen und Verstand / ist mit Finsternis verhüllet,/
wo nicht deines Geistes Hand / uns mit hellem Licht erfüllet;/
Gutes denken, tun und dichten / mußt du selbst in uns verrichten.

O du Glanz der Herrlichkeit,/ Licht vom Licht, aus Gott geboren,
mach uns allesamt bereit,/ öffne Herzen, Mund und Ohren;
unser Bitten, Flehn und Singen / laß, Herr Jesu, wohlgelingen.

Inhalt (alphabetisch)

 

Becker, Cornelius
1561 - 1603

Bischof Benno von Meißen
1040 - 1105 (zirka)

Clausnitzer, Tobias
1618 - 1684

David, Christian
1692 - 1751

Eid, Bischof
960 - 1015

Garve, Karl Bernhard
1763 - 1840

Georg der Bärtige
1471 - 1539

Gerhardt, Paul
1607 - 1676

Gregor, Christian
1723 - 1801

Hahn, Hugo
1886 - 1957