
Paul Gerhardt: Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt
Von Prof. Dr. Karl-Hermann Kandler
Neben Luther ist kein Kirchenlieddichter so bekannt wie er, von keinem anderen werden auch heute noch so viele Lieder gesungen wie von ihm. Insgesamt hat er 134 Lieder gedichtet, 26 stehen im Evangelischen Gesangbuch. Unter seinen Liedern sind die, die von "Kreuz und Trost" handeln, am häufigsten. Daran wird etwas vom Lebensschicksal des Dichters und vor allem von der Zeit, in der er gelebt hat, deutlich.
Geboren wurde er am 12. März 1607 in Gräfenhainichen als Sohn eines Gastwirts, der einige Male das Amt eines Bürgermeisters versah. Seine Mutter stammte aus einer Pfarrerfamilie. Mit sieben Jahren verlor er den Vater. Er erhielt ein Stipendium und besuchte von 1622-1627 in Grimma die Fürstenschule, in der ein lebendiges Luthertum den Unterricht beherrschte. Von dort aus ging er nach Wittenberg zum Theologiestudium. Durch die Nöte des Dreißigjährigen Krieges bedingt bekam er nach seinem Examen lange Zeit keine Pfarrstelle, so daß er zunächst in einer Pfarrersfamilie als Hauslehrer eine Bleibe fand. Hungersnot, eine Feuersbrunst und Pest lernte er ebenso kennen wie die Schrecken des Krieges. 1643 siedelte er nach Berlin über. Auch hier war die Not groß. Die Einwohnerzahl von Berlin-Kölln war von 14000 auf 6000 gesunken. Manchmal konnte er befreundete Pfarrer vertreten, sonst war er aber als Hauslehrer tätig. In dieser Zeit entstanden die meisten seiner Lieder, gedruckt wurden sie 1647 und 1653. 1651 erbat sich der Magistrat von Mittenwalde Gerhardt für die freigewordene Propststelle. Von ihm sprach man als von einer "Person, deren Fleiß und Gelehrsamkeit bekannt, die eines guten Geistes und ungefälschter Lehren, dabei auch eines ehr- und friedliebenden Gemütes und christlich untadelhaften Lebens". Bevor er die Stelle antrat, wurde er in Berlin ordiniert. Mittenwald hatte auch schwer unter dem Krieg gelitten, die Bevölkerungszahl war auf ein Viertel gesunken. Viele Gemeindeglieder mußte er trösten. Im Gottesdienst sah er, wenn er am Altar stand, das Bild des Gekreuzigten vor sich, wie es auf der sog. Predella noch heute zu sehen ist. Es gab ihm Anlaß, ein mittelalterliches Lied von Arnulf von Löwen frei ins Deutsche zu übertragen: "O 'Haupt voll Blut und Wunden". Nach vier Amtsjahren heiratete er, schon achtundvierzigjährig, eine Tochter der Familie, in der er Hauslehrer gewesen war. Ihm wurden sechs Kinder geboren, aber fünf starben schon im Kindesalter. 1657 folgte er gern einem Ruf an die Berliner Nikolaikirche. Auch hier erwarb er sich bald das Vertrauen seiner Gemeindeglieder.
Als er zehn Jahre später die Stelle verließ, geschah dies ganz und gar nicht aus freien Stücken. Seit 1613 waren die Hohenzollern, die Brandenburger Kurfürsten, reformiert und stellten sich entschieden gegen den lutherischen Glauben der Bevölkerung. Wie schon sein Vater, so hat auch der "Große Kurfürst" Friedrich Wilhelm jede Polemik von der Kanzel untersagt. Wer gegen dieses Verbot verstieß, sollte das Land verlassen. Er verbot das Studium in Wittenberg und forderte die Unterzeichnung eines Reverses durch die Pfarrer. Gerhardt gehörte zu den entschiedenen Gegnern dieses landesherrlichen Eingriffs in die Belange der Kirche. Ein Religionsgespräch schlug fehl. Der Kurfürst verschärfte seine Forderungen. Darin sah Gerhardt eine unerträgliche Zumutung des Staates und eine Knechtung seines Gewissens, hatte er sich doch auf die lutherischen Bekenntnisschriften verpflichtet. Der Kurfürst verfügte seine Amtsenthebung. Die Gemeinde, der Magistrat und die Gewerke der Stadt traten für Gerhardt ein: "Was wird denn aus unserer Stadt werden, wenn wir die Frömmsten nicht behalten ... sollten?" Nie habe Gerhardt gegen den Kurfürsten und sein Bekenntnis gescholten. Noch ein zweites Mal verwandte man sich für den Pfarrer. Schließlich erließ der Kurfürst Gerhardt die Unterschrift, doch der Bote, der ihm den Bescheid brachte, teilte ihm mit, der Kurfürst lebe der Zuversicht, Gerhardt werde auch "ohne Revers sich den Edikten gemäß zu bezeigen wissen". Da fühlte sich Gerhardt in seinem Gewissen verletzt und verzichtete auf sein Amt. Eine beruhigende Erklärung erhielt der Magistrat vom Kurfürst nicht. Der Sieg des Staates war vollständig, die Staatskirche war da. In ihr galt kein Berkenntnis, kein Gewissen mehr, sondern allein der Wille des Herrschers. (Trotzdem wird noch heute das Märchen von der großen Toleranz dieses Kurfürsten verbreitet!) Und doch versichert Gerhard dem Kurfürsten, daß er nichts lieber wolle, als sich ihm zu unterwerfen, aber ohne Verletzung seines armen Gewissens könne er dies nicht tun. Er unterzeichnet den Brief mit: "Untertänigster gehorsamster Diener und getreuester schuldigster Vorbitter bei Gott".
Gerhardts Beispiel stärkte viele Pfarrer in ihrem Widerstand, der Kurfürst mußte schließlich nachgeben, aber Gerhardt selbst mußte Berlin verlassen. Gerade da starb seine Frau und ließ ihn mit einem sechsjährigen Jungen allein zurück. Mit ihm ging er nach Lübben, das damals zu Sachsen gehörte, und versah die letzten sieben Lebensjahre hier die Pfarrstelle. Er starb am 27. Mai 1676. Sein Bild in der Lübbener Kirche trägt die Unterschrift: "Ein in Satans Sieben gesichteter Theologe". Er hinterließ seinem Jungen ein Testament, darin heißt es: "Meinem einzigen hinterlassenen Sohne überlasse ich von irdischen Gütern wenig, dabei aber einen ehrlichen Namen, dessen er sich sonderlich nicht wird zu schämen haben. ... Summa: Bete fleißig, studiere was Ehrliches, lebe friedlich, diene redlich und bleibe in deinem Glauben und Bekenntnis beständig. So wirst du einmal auch sterben und von dieser Welt scheiden, willig, fröhlich und selig."
Gerhardts Lieder gehören zu den bedeutendsten der ganzen Christenheit und werden überall, wo Christen leben, gesungen. Bach hat viele von ihnen in seine Kantaten und Passionen aufgenommen. Auch sprachlich tritt keiner an seine Seite. Diese "Gebrauchslyrik" steht auf hohem Niveau. Entscheidend aber ist, daß die Lieder viele Menschen getröstet, zum Lob Gottes ermutigt und im Glauben gestärkt haben. Manche seiner Lieder sind zu Volksliedern geworden (Geh aus, mein Herz, und suche Freud; Nun ruhen alle Wälder; Die güldne Sonne). Am bekanntesten ist aber wohl sein Trostlied, dessen Strophenanfänge, hintereinander gelesen, das Wort aus Psalm 37,5 ergeben: "Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohl machen." Dieses Bibelwort legt das Lied aus. An wieviel Krankenbetten, an wievielen Gräbern mag es gesungen und gebetet worden sein!
Befiehl du deine Wege / und was dein Herze kränkt /
der allertreusten Pflege / des, der den Himmel lenkt./
Der Wolken, Luft und Winden / gibt Wege, Lauf und Bahn,/
der wird auch Wege finden, / da dein Fuß gehen kann.
Dem Herren mußt du trauen,/ wenn dir's soll wohlergehn;/
auf sein Werk mußt du schauen,/ wenn dein Werk soll bestehn./
Mit Sorgen und mit Grämen / und mit selbsteigner Pein /
läßt Gott sich gar nichts nehmen,/ es muß erbeten sein.
Dein ewge Treu und Gnade,/ o Vater, weiß und sieht,/
was gut sei oder schade / dem sterblichen Geblüt;/
und was du dann erlesen,/ das treibst du, starker Held,/
und bringst zum Stand und Wesen,/ was deinem Rat gefällt.
Weg hast du allerwegen,/ an Mitteln fehlt dir's nicht;/
dein Tun ist lauter Segen,/ dein Gang ist lauter Licht;/
dein Werk kann niemand hindern,/ dein Arbeit darf nicht ruhn,/
wenn du, was deinen Kindern / ersprießlich ist, willst tun.
Und ob gleich alle Teufel / hier wollten widerstehn,/
so wird doch ohne Zweifel / Gott nicht zurücke gehn;/
was er sich vorgenommen / und was er haben will,/
das muß doch endlich kommen / zu seinem Zweck und Ziel.
Hoff, o du arme Seele,/ hoff und sei unverzagt!/
Gott wird dich aus der Höhle,/ da dich der Kummer plagt,/
mit großen Gnaden rücken;/ erwarte nur die Zeit,/
so wirst du schon erblicken / die Sonn' der schönsten Freud'.
Auf, auf, gib deinem Schmerze / und Sorgen Gute Nacht,/
laß fahren, was das Herze / betrübt und traurig macht;/
bist du doch nicht Regente,/ der alles führen soll;/
Gott sitzt im Regimente / und führet alles wohl.
Ihn, ihn laß tun und walten,/ er ist ein weiser Fürst /
und wird sich so verhalten,/ daß du dich wundern wirst,/
wenn er, wie ihm gebühret,/ mit wunderbarem Rat /
das Werk hinausgeführet,/ das dich bekümmert hat.
Er wird zwar eine Weile / mit seinem Trost verziehn /
und tun an seinem Teile, / als hätt' in seinem Sinn /
er deiner sich begeben / und, sollt'st du für und für /
in Angst und Nöten schweben,/ als frag er nichts nach dir.
Wirds aber sich befinden,/ daß du ihm treu verbleibst,/
so wird er dich entbinden,/ da du's am mind'sten gläubst;/
er wird dein Herze lösen / von der so schweren Last,/
die du zu keinem Bösen / bisher getragen hast.
Wohl dir, du Kind der Treue,/ du hast und trägst davon /
mit Ruhm und Dankgeschreie / den Sieg und Ehrenkron;
Gott gibt dir selbst die Palmen / in deine rechte Hand,/
und du singst Freudenpsalmen / dem, der dein Leid gebannt.
Mach End, o Herr, mach Ende / mit aller unsrer Not;/
stärk unsre Füß' und Hände / und laß bis in den Tod /
uns allzeit deiner Pflege / und Treu befohlen sein,/
so gehen unsre Wege / gewiß zum Himmel ein.
Inhalt (alphabetisch)
Becker, Cornelius
1561 - 1603
Bischof Benno von Meißen
1040 - 1105 (zirka)
Clausnitzer, Tobias
1618 - 1684
David, Christian
1692 - 1751
Eid, Bischof
960 - 1015
Garve, Karl Bernhard
1763 - 1840
Georg der Bärtige
1471 - 1539
Gerhardt, Paul
1607 - 1676
Gregor, Christian
1723 - 1801
Hahn, Hugo
1886 - 1957