Zum Inhalt springen
Sonnabend, 25. Juni 2016
Sie sind hier: Startseite > Bibliothek > Skizzen zur sächsischen Kirchengeschichte


Philipp Jakob Spener: Der Vater des Pietismus

Von Prof. Dr. Karl-Hermann Kandler

Es ist wenig bekannt, daß der "Vater des (lutherischen) Pietismus" fünf Jahre lang das wichtigste geistliche Amt im deutschen Luthertum, die Stelle des sächsischen Oberhofpredigers, wahrgenommen hat.

Geboren wurde Spener 1633 in Rappoltsweiler im Elsaß als Sohn eines Juristen. Schon in der Jugend las er zahlreiche Erbauungsschriften, die in ihm eine Sehnsucht nach der Ewigkeit weckten. Seit 1651 studierte er Theologie in Straßburg; die Stadt war damals deutsch und vom Luthertum geprägt. Hier lernte er sowohl die Orthodoxie als auch das von Johann Arnds "Vier Bücher vom wahren Christentum" geprägte Reformluthertum kennen. Er hat zeitlebens beide Richtungen miteinander verbunden.

An sich für eine akademische Laufbahn vorgesehen, trat er 1666 die Stelle eines Seniors, des leitenden Geistlichen, in Frankfurt am Main an und übte dieses Amt zwanzig Jahre lang aus. Durch die Erfahrungen im geistlichen Amt, durch intensives Bibelstudium und eifrige Lektüre von Luthers Schriften trat er zunehmend in Gegensatz zur vorherrschenden Kirchlichkeit. 1675 veröffentlicht er seine "Pia desideria" (Frommes Verlangen). Später bekennt er, daß in ihr "wirklich bereits alles enthalten ist, was ich nachmals gelehrt oder getrieben" habe. Aus der volkskirchlichen Gemeinde sollte eine Gemeinde von wahren Christen werden. Er propagierte sonntägliche Hausversammlungen unter Freunden, in denen man die Bibel las und über die Sonntagspredigt sprach. Das ist der Ursprung der pietistischen "Konventikel" oder Gemeinschaftsstunden, wie es sie noch heute gibt. Damit begann eine Absonderung der Frommen von der Welt. Durch die Sammlung der Frommen in der Gemeinde, einer "ecclesiola in ecclesia" - ein Gedanke, den auch Luther schon hatte -, erhoffte er sich eine Besserung der Kirche. In der Lehre von den Letzten Dingen entfernte er sich am meisten von der Orthodoxie. Er erwartete den Jüngsten Tag nicht bald, sondern sprach von einer "Hoffnung besserer Zeiten". Hier nahm er utopisch-chiliastische Gedanken auf.

In der "Pia desideria" folgt der Diagnose vom verderbten Zustand der Kirche die Prognose auf Grund der biblischen Verheißungen und darauf das eigentliche Reformprogramm. Der Obrigkeit wirft er vor, sie mache die Kirche der Staatsräson dienstbar. Die theologische Ausbildung sei zu theoretisch. Unter den Gemeindegliedern gäbe es zu wenig frommes Leben. Damit sich dies ändere, fordert er neben dem sonntäglichen Gottesdienst die Einrichtung besonderer Bibelstunden, die stärkere Beteiligung der Gemeindeglieder, das "Priestertum aller Gläubigen", wie es Luther schon gefordert hatte. Die Christen sollten sich in ihrem Leben von Jesu Liebesgebot leiten lassen. An die Stelle konfessioneller Polemik setzte er liebevolles Werben um Andersgläubige. Schließlich forderte Spener schlichtere Predigten, sie auf eine innerliche Erneuerung abzielen sollten.

1686 erreichte Spener der Ruf nach Dresden. Da es Spannungen mit dem Stadtrat in Frankfurt gab, nahm er den Ruf an. Sein Verhältnis zum sächsischen Kurfürsten Johann Georg III. blieb kühl, dagegen gewann er das Vertrauen der Kurfürstin und ihrer Hofdamen. Spener wollte keinen politischen Einfluß ausüben, bemühte sich aber, Katechismusübungen für Erwachsene und Jugendliche einzurichten. Durch Landtagsbeschluß wurden 1688 solche Übungen in ganz Sachsen eingeführt.

1690 brachen in Leipzig und anderswo Auseinandersetzungen um die pietistische Bewegung aus. Auch wenn Spener sich zunächst zurückhielt, den Kontakt zu seinen Freunden hat er immer gewahrt. Bald nahm er öffentlich für die Pietisten Partei. Die Wittenberger Universität warf ihm, dem führenden Geistlichen Sachsens, 284 Irrtümer vor. Da auch der Kurfürst erklärte, bei einem längeren Verbleiben Speners in Dresden müsse er seine Residenz nach Torgau oder Freiberg verlegen, er könne seine Predigten nicht mehr anhören, nahm Spener 1691 einen Ruf nach Berlin an, wo er die letzten vierzehn Lebensjahre als Propst an der Nikolaikirche wirkte. Hier hat er sich intensiv für die Ausbreitung des Pietismus als innerkirchliche Reformbewegung eingesetzt und anderswo vertriebene Geistliche eingestellt. Als die Universität Halle errichtet wurde, sorgte er dafür, daß sie vom pietistischen Geist erfüllt war. Andererseits mußte er sich mehrmals von radikalen Pietisten distanzieren.
1705 ist er in Berlin verstorben.

Viele Forderungen Speners sind in der lutherischen Kirche, auch in Sachsen, seit langem erfüllt. Sein Einfluß war weit über Deutschland hinweg groß. Er erkannte im aufkommenden Rationalismus den eigentlichen Feind der Kirche und sah den Bruch des christlichen Glaubens mit der modernen Welt für unabwendbar voraus. Durch manche seiner Gedanken hat er dem Aufkommen der Aufklärung auch Vorschub geleistet.

Inhalt (alphabetisch)

 

Becker, Cornelius
1561 - 1603

Bischof Benno von Meißen
1040 - 1105 (zirka)

Clausnitzer, Tobias
1618 - 1684

David, Christian
1692 - 1751

Eid, Bischof
960 - 1015

Garve, Karl Bernhard
1763 - 1840

Georg der Bärtige
1471 - 1539

Gerhardt, Paul
1607 - 1676

Gregor, Christian
1723 - 1801

Hahn, Hugo
1886 - 1957