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Mittwoch, 27. Juli 2016
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"Herz und Herz vereint zusammen": Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf

Von Prof. Dr. Karl-Hermann Kandler

Zinzendorf gilt als "eine der originalsten Gestalten der Kirchengeschichte", die einen hielten ihn für den "wahren Fürsten Gottes", die anderen für einen "falschen Apostel". Er hat die Herrnhuter Brüdergemeine gegründet.

Nikolaus Ludwig Graf von ZinzendorfEr wurde am 26. Mai 1700 in Dresden geboren als Sohn eines sächsischen Staatsministers, der um seines evangelisch-lutherischen Glaubens willen Österreich verlassen hatte, aber bald nach der Geburt seines Sohnes verstarb. Geprägt hat ihn seine Großmutter Katharina Henriette von Gersdorff, eine fromme und hochgebildete Frau. Bei ihr hat er "den Umgang mit dem Heiland" gelernt, wie er später bekannte. Sie hat dafür gesorgt, daß der heranwachsende Junge von 1710 an für sechs Jahre das Hallesche Pädagogium besuchte. Von dort aus ging er zum Jurastudium nach Wittenberg. Hier gründete er christliche Bruderschaften, die vom Pietismus, einer besonders innigen Frömmigkeit, geprägt waren. Darauf unternahm er 1719/ 20 eine Kavalierstour durch Westeuropa, wie sie für junge Adlige damals üblich war. 1721 trat er - zeitlebens standesbewußt - in den sächsischen Staatsdienst als Justizrat. Doch früh fühlte er sich dazu berufen, für die Ausbreitung des Evangeliums "in Kompagnie zu gehen", wie er sich ausdrückte. Er hielt in Dresden Privatversammlungen ab, gab eine Wochenzeitschrift ("Dresdnischer Socrates") heraus und sammelte auf seinem Gut Berthelsdorf in der Oberlausitz Gleichgesinnte, abgegrenzt von der "Weltförmigkeit" der "Unbekehrten". Mit Erdmuthe Dorothea (von) Reuß schloß er eine "Streiterehe" für Jesus.

Als die letzten Anhänger der alten Brüderunität in Mähren um ihres Glaubens willen die Heimat verlassen mußten, gewährte er ihnen bei Berthelsdorf Asyl und begründete 1722 die Handwerkerkolonie Herrnhut, wo sich "Erweckte" aus verschiedenen Gebieten zusammenschlossen. Er gab seine Tätigkeit in Dresden auf, um sich ab 1727 ganz der Siedlung Herrnhut widmen zu können, und gab ihr eine Verfassung. Im gleichen Jahr erlebten die "Herrnhuter" bei einer Abendmahlsfeier eine besonders tiefe Verbundenheit mit Christus und untereinander, so daß nun eine neue Brüdergemeine entstand, die sich bewußt an der "Philadelphia" (Bruderliebe) der ersten Christengemeinden orientierte. Dies Wort wurde zum Leitmotiv seines Denkens und Handelns. Jeder erhielt in der "Gemeine" eine besondere Aufgabe, alle wurden in "Banden" und "Chöre" eingeteilt, um jeden in eine innige Glaubens- und Lebensgemeinschaft einzubinden. Wichtig war allen eine tiefe "Herzensreligion", die Liebe zum Heiland Jesus. Man nahm am Gottesdienst der lutherischen Gemeinde teil, man wollte sich nicht von ihr trennen.

Zinzendorf verstand die Herrnhuter Gemeinschaft als "Zeugnis- und Dienstgemeinschaft", in ihr wollte er viele Menschen für Christus gewinnen. Dabei knüpfte er an die alte vorreformatorische, aus Böhmen und Mähren stammende Brüder-Unität an. Damit setzte eine Entwicklung ein, die zur Trennung von der Landeskirche führte. Das hatte Zinzendorf vermeiden wollen. Er sagte vielmehr: "Ich statuiere kein Christentum ohne Gemeinschaft". Er gründete in Herrnhut ein Anstaltshaus mit Pädagogium, Waisenhaus, Mädchenanstalt und Druckerei und gab eine wohlfeile Bibel heraus. Auf ihn gehen die Herrnhuter Losungen zurück, das noch heute verbreitetste Andachtsbuch, in dem für jeden Tag ein Bibelvers aus dem Alten Testament gelost wird, dem ein passendes Wort aus dem Neuen Testament und ein Liedvers hinzugegeben wird.

In wenigen Jahren bildeten sich ähnliche Gemeinschaften über ganz Europa hinweg, die der Graf unermüdlich besuchte. Er knüpfte Verbindungen zu ähnlichen pietistischen Gemeinschaften und gewann manchen, der sich getrennt hatte, wieder zurück. Besonders aber lag ihm und den Herrnhutern die Mission am Herzen. Ab 1732 sandten sie Missionare aus, so nach Südamerika und zu den Eskimos. Ab 1735 bildeten sich blühende Gemeinden in Nordamerika, die auch Mission unter den Indianern trieben. Die Mission war eng mit den Heimatgemeinden verbunden.

In Sachsen, aber auch unter vielen Pietisten geriet Zinzendorf in den Verdacht der Spaltung. Doch gewann er den preußischen König Friedrich Wilhelm I. für sich. Obwohl er nie Theologie studiert hatte, legte er 1734 ein Rechtgläubigkeitsexamen ab und ließ sich 1736 ordinieren. Ein Jahr später empfing er vom letzten Bischof der alten Brüder-Unität die Bischofsweihe. Er wurde aus Sachsen ausgewiesen und wich in andere Gemeinden aus. Er lebte jahrelang in London, durfte aber nach einem Jahrzehnt wieder nach Sachsen zurückkehren. Die Herrnhuter wurden schließlich als dem Luthertum verwandt anerkannt.

Im Lauf der Jahre löste er sich immer mehr vom alten Pietismus und kehrte zum lutherischen Rechtfertigungsglauben zurück; dies wird vor allem in einer Disputation mit John Wesley, dem Begründer des Methodismus, deutlich. Zinzendorf entdeckte für sich die Bedeutung des Kreuzestodes Christi als Versöhnungsopfer und entwickelte eine etwas seltsame Blut- und Wundenlehre, die sich auch in seinen zahlreichen Kirchenliedern widerspiegelt. Diese sind nach seinem Tode durch Christian Gregor bearbeitet worden. In dessen Fassung werden sie noch heute vielfach gesungen (z. B. "Jesu, geh voran"; "Herz und Herz vereint zusammen"). Zinzendorf lag besonders am Herzen, eine Frömmigkeit zu lehren und zu leben, die der aufkommenden Aufklärung widerstehen konnte. Sie prägt die Frömmigkeit der Herrnhuter Brüdergemeine noch heute und hat auch längst Eingang in die lutherischen Landeskirchen gefunden. Sein Nachfolger August Gottlieb Spangenberg sagte von ihm: "Er war ein Original und von Gott so gemacht, wie die Männer sein müssen, durch deren Dienst etwas Besonderes nach dem Willen Gottes geschehen soll."

Zinzendorf starb am 9. Mai 1760 in Herrnhut.

Inhalt (alphabetisch)

 

Becker, Cornelius
1561 - 1603

Bischof Benno von Meißen
1040 - 1105 (zirka)

Clausnitzer, Tobias
1618 - 1684

David, Christian
1692 - 1751

Eid, Bischof
960 - 1015

Garve, Karl Bernhard
1763 - 1840

Georg der Bärtige
1471 - 1539

Gerhardt, Paul
1607 - 1676

Gregor, Christian
1723 - 1801

Hahn, Hugo
1886 - 1957