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Mittwoch, 14. November 2018
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Martin Stephan: Ein Pfarrer hielt sich für unfehlbar

Von Prof. Dr. Karl-Hermann Kandler

Ein sächsischer Pfarrer ist in argen Verruf geraten. Bis heute ist nicht ganz klar, was von den gegen ihn erhobenen Vorwürfen alles zutrifft.

Martin Stephan, 1777 als Sohn römisch-katholischer Eltern in Mähren geboren, war zuerst Leineweber gewesen und hatte dann Theologie in Halle und Leipzig studiert. 1809 wurde er Pastor der kleinen lutherischen Gemeinde im böhmischen Habel, ein Jahr später in Dresden an der Johanniskirche, der Heimstätte der Gemeinde der böhmischen Exulanten.
Hier predigte er in etwas gebrochenem Deutsch, aber fest gegründet in der Heiligen Schrift und im lutherischen Bekenntnis, schlicht und einfältig Gottes Wort. Seine Predigthörer redete er mit "durch das Blut Christi teuer erkaufte Zuhörer" an. Besonders häufig predigte er über die Erbsünde und Christi Versöhnungstod. Über tausend Hörer versammelten sich bald unter seiner Kanzel, darunter auch der sächsische Staatsminister Detlev von Einsiedel. Das Ansehen, das er genoß, stieg ihm aber irgendwie zu Kopf. Für seine Überzeugungen nahm er bald eine Art Unfehlbarkeit in Anspruch. Manche seiner Anhänger sahen in dem von ihm herausgegebenen Predigtband eine Art Bekenntnisschrift.

Bald kamen üble Gerüchte auf. Mit seinen Anhängern, Männern und Frauen, pflegte er ausgiebige Spaziergänge zu unternehmen, bei denen über Glaubensfragen gesprochen wurde. Manche Spaziergänge dauerten bis zum frühen Morgen. Man wies Stephan auf deren Bedenklichkeit hin. Er aber ließ sich nicht abhalten. Die Polizei mischte sich ein und verbot das Treiben. 1837 wurde Stephan in einem Weinberg in der Hoflößnitz verhaftet. Man fand bei ihm Frauen; Betten waren aufgestellt. Er nannte das sein "Gethsemane". In der Untersuchung wurde ihm unzüchtiger Lebenswandel und Veruntreuung von Spendengeldern vorgeworfen. Zwar wurde der Prozeß niedergeschlagen, aber mit seinen Anhängern bereitete er nun heimlich die Auswanderung nach Amerika vor. 1838 verschwand Stephan mit seinen Leuten aus Dresden und ließ seine nichtsahnende Familie zurück. Fast 800 Leute wanderten mit ihm über Bremen auf fünf Schiffen aus, darunter sechs Pfarrer, vier Lehrer und zehn Kandidaten. Auf dem Schiff noch ließ er sich das Bischofsamt übertragen und forderte von allen Anhängern die schriftliche Unterwerfung; sie mußten ihm unbedingten Gehorsam in allen kirchlichen und weltlichen Angelegenheiten geloben. Seine Gemeinde nannte er die "Apostolisch-lutherische Episkopalkirche zu Stephansburg".

In St. Louis ließ man sich nieder. Bald wurde entdeckt, daß Stephan ein wüstes Leben führte, die Gelder der Gemeinde veruntreut und mehrere Mädchen mißbraucht hatte. Stephan wurde aus der Gemeinde ausgeschlossen. 1846 ist er in Illinois gestorben. Mit seiner Überheblichkeit hat er der guten Sache schweren Schaden zugefügt.

Die Gemeinde ist durch die Brüder Walther in gesunde Bahnen gelenkt worden. Durch ihre Betonung der Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift, in deren Mittelpunkt Gottes Gesetz und Evangelium steht, haben die Walthers in der lutherischen Kirche weit über die aus der Gemeinde der Achthundert entstandenen Missourisynode zum Segen gewirkt. Die Kirche zählt heute über drei Millionen Glieder und wirkt auf die lutherischen Freikirchen in Deutschland.

Inhalt (alphabetisch)

Mentzer, Johann
1658 - 1734

Moller, Martin
1547 - 1606

Noth, Gottfried
1905 - 1971

Rinckart, Martin
1586 - 1649

Schein, Johann Hermann
1586 - 1630

Silbermann, Gottfried
1683 - 1753

Spener, Philipp Jakob
1633 - 1705

Stephan, Martin
1777 - 1846

Tischendorf, Lobegott Friedrich
1815 - 1874

von Bora, Katharina
1499 - 1552