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Mittwoch, 14. November 2018
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Meister "HW" - Hans Witten ?

Von Prof. Dr. Karl-Hermann Kandler

Bedeutende Kunstwerke im sächsischen Raum tragen das Meisterzeichen "HW". Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, welcher Künstler sich genau hinter diesem Zeichen verbirgt. Walter Hentschel, Kenner der sächsischen Kunst, stieß durch intensive Forschung auf einen Künstler, der zu dieser Zeit lebte und im sächsischen Raum (mindestens zwischen 1504 und 1522) wohnte, eben Hans Witten. Einen Beweis dafür, daß die mit HW gezeichneten Kunstwerke von ihm auch wirklich stammen, gibt es nicht. Wir wissen lediglich den Namen aus einem Vorfall, der sich 1511 in Annaberg ereignete. Zwei "moler", "Meister Balczer und Hans Widenn", gerieten in Streit. Ist nun dieser Hans Witten - unter die Berufsbezeich- nung Maler fielen damals auch Bildschnitzer -, der bedeutende Künstler, dem wir die schönsten Werke spätgotischer Bildschnitzerei vor allem im sächsischen Raum verdanken, so die "Schöne Tür" in der Annaberger St.-Annen-Kirche, das Portal an und die Geißelsäule in der Chemnitzer Schloßkirche, den Altar in der Ehrenfriedersdorfer Stadtkirche und eben die sogenannte Tulpenkanzel im Freiberger Dom ?

Von dem Meister ist außer den Zeichen "HW" nichts überliefert, weder der sichere Name noch der Geburts- oder Sterbetag oder der Wohnort. Beharrlich hält sich die Behauptung, er stamme aus Braunschweig. In Braunschweig wird 1475 auch ein Hans Witten als Ratsherr genannt. Das Geschoßregister der Kirchgemeinde St. Jakob in Goslar nennt ebenfalls öfters zwischen 1490 und 1525 einen Hans Witten, doch liegen mehrjährige Pausen dazwischen. Möglicherweise ist er der Sohn des Braunschweigers. Dieser Hans Witten wird zwar nirgends als Maler bezeichnet, doch werden mehrere Werke in Goslar dem Meister "HW" zugeschrieben.

Am bekanntesten unter den Werken des HW ist die "Wunderblume", die freistehende "Tulpenkanzel" im Freiberger Dom. Sie wurde der "hohe Predigtstuhl" genannt und nur zu Festtagen genutzt. Der Name "Tulpenkanzel" ist erst jüngeren Datums. H.W. wollte mit ihr wohl den "Baum des neuen Paradieses" darstellen. Vieles spricht dafür, daß Ulrich Rülein die Kanzel gestiftet hat und sich in der Figur des andächtigen Predigthörers am Fuß der Kanzel hat darstellen lassen. Der ganze "Kelch" der Kanzel ist aus einem Stein ausgehauen. Der Schalldeckel ist Holzschnitzerei. Die Kanzel ist vielleicht die faszinierendste Schöpfung der Bildhauerkunst am Ende des Mittelalters und dürfte um 1510 geschaffen worden sein.

Über HW (Hans Witten) können wir nur Vermutungen anstellen. Wir wissen auch nicht, ob er sich längere Zeit in Freiberg aufgehalten hat. Aber hier hat er dieses herrliche Kunstwerk geschaffen, das täglich von vielen Touristen bestaunt wird und jetzt endlich nach mehrjähriger Restaurierung wieder zu den Festtagen genutzt werden kann.