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Chemnitz, 15.12.2003

Studenten suchen einen Platz für Ibrahim

Evangelische Studentengemeinde arbeitet im Weihnachtsspiel eigene Erlebnisse auf

Statt christlicher Adventslieder hallen Pink-Floyd-Klänge durch den gotischen Chorraum der Jakobikirche. Mitglieder der Evangelischen Studentengemeinde (ESG)in Chemnitz proben für das diesjährige Weihnachtsspiel. „Für dich ist hier (k)ein Platz“, so lautet der Titel des Stückes, welches am 17. Dezember aufgeführt werden soll. Der Titel lehnt sich an die traditionelle,christliche Weihnachtsgeschichte an. Aber Sven Sieber und Maik Lesch, zwei ESG-Mitgleider, haben ein aktuelles Stück geschrieben, in dem eigene Erleb­nisse thematisiert werden. In dme Theaterspiel wird in sieben kürzeren Akten die Ge­schichte eines Kurden namens Kendal erzählt, der in der Türkei verhaftet wird und später nach Deutschland flieht. Er lernt in Chemnitz den Studentenpfarrer und die ESG kennen. Sie erleben gemeinsam eine ganze Menge. Jahre später soll er wieder zurück in die Türkei.
Kendal, das ist eigentlich Ibrahim Sicakyüz, ein 35-jähriger Kurde, der seit 1995 in Deutschland lebt. Der Physiker saß mehrfach in der Türkei im Gefängnis. „Wir durften öffentlich unsere kurdische Sprache nicht sprechen. Deshalb haben wir uns an der Uni­versität für unsere Sprache eingesetzt“, nennt der den Grund für mehrere Verhöre. Als er vom Tod eines inhaftierten Freundes erfahren habe, sei er aus Angst geflohen. Nach einer abenteuerlichen Flucht landete er schließlich in Deutschland. „Außer ja und nein habe ich kein Wort verstanden“, erinnert er sich. Es kam zum üblichen Weg: Einweisung in ein Aufnahmelager, Asylantrag. Ibrahim Sicakyüz unternahm dann Schritte, sich zu integrieren. Er besuchte einen Deutschkurs, bekam schließlich eine Arbeit an der TU Chemnitz und fand Bindung an die ESG. Vor zwei Jahren begann er noch ein Informatik­studium an der Chemnitzer Uni. Doch im Sommer diesen Jahres wurde seine Aufenthalts­genehmigung nicht verlängert.
Viele der rund 25 ESG-Mitglieder setzten sich in diversen Briefen für ein weiteres Bleibe­recht ihres kurdischen Freundes ein. Doch nichts half. „Wir haben immer wieder den Satz gehört: Das ist ihr Problem“, sagt Jan Horbach. Er und Sven Sieber hatten dann die Idee, die Geschichte von Ibrahim in einem Weihnachtsspiel zu verarbeiten. „Für uns geht es in dem Spiel auch darum, mit unserer eigenen Ohnmacht fertig zu werden“, meint der 27-jährige Informatiker. Und Sven Sieber erzählt, wie der Text des Stückes zustande kam: „Wir haben Ibrahim in Hannover besucht, wo er im Moment noch wohnt. Es war ein Schock, so detailliert zu hören, was er alles mitgemacht hat.“ Im Speil wird Vieles von dem in vereinfachter und leicht veränderter Form wiedergegeben.
Viel Arbeit wird noch die Ausgestaltung der Requisiten und Bühnenbilder machen. Für die Wandbilder soll ein Videobeamer zum Einsatz kommen, erklären die Hobby-Regisseure Sven Sieber und Jan Horbach. Aber Manches muss erst noch getestet werdne, auch wie die Kanzel der Kirche in einen Kletterfelsen umgestaltet werden kann. Diese Szene beruht ebenfalls auf einer wahren Begebenheit. Maik Lesch erinnert sich an das gemeinsame Kletter-Abenteuer: „Ich hatte damals richtig Angst, doch Ibrahim hat sie mir genommen. Er war ein großer Gewinn für uns“.
Deshalb gehe es in dem Stück auch nicht um Ankläge, meint Studentenpfarrer Christoph Weber: „Die gesetzliche Lage ist eindeutig, aber manchmal ist es schwer, das zu akzep­tieren. Für die Studenten ist das Spiel ein wichtiger Teil der Verarbeitung.“Das Stück wird ein offenes Ende haben. Ebenso sieht Ibrahim Sicakyüz einer ungewissen Zukunft ent­gegen. Er wisse nicht, was ihn nach acht Jahren Abwesenheit in der Türkei erwartet. „Angst habe ich davor, dass ich mit der Mentalität dort nicht mehr klar komme“, sagt der Kurde. Das Flugticket ist für den 12. Dezember ausgestellt. Er wird das Weihnachtsspiel seiner Freunde nicht miterleben können.

Autor: Friedemann Düring

(Quelle: Freie Presse, 10.12.2003)

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