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Chemnitz, 23.11.2001

Mit vier Jahren erkannte er jede Kirche

Türmer Stefan Weber hat ein bewegtes Leben hinter sich - und eines in luftiger Höhe absolviert er im Dienste der Stadt

Stefan Weber als Türmer auf dem RathausturmKater Kasimir und Türmer Stefan Weber leben in luftiger Höhe. 130 Treppen muss der Gast erklimmen, will er die beiden Bewohner der Turmzimmer in der Schlosskirche besuchen. Belohnt wird er mit einem berauschenden Blick über die Stadt und einer einzigartigen Atmosphäre, auch wenn die gerade durch Bauarbeiten am Kirchturm beeinträchtigt wird.

Stefan Weber ist sicher einer der meist fotografiertesten Chemnitzer. Immerhin besuchten schon über 100.000 Gäste seine Turm- und Rathausführungen, die er seit 1991 als Deutschlands einziger bei der Stadt festangestellter Türmer in stattlicher Uniform fast täglich durchführt.

"Ich habe mich immer schon für Türme, deren Uhren und Glockenklang interessiert", verrät der 59-Jährige. Schon im Alter von vier Jahren kannte er zur Verblüffung der Anverwandten alle Chemnitzer Kirchtürme. Vom Fenster der elterlichen Wohnung an der Neefestraße konnte er etwa 15 Türme sehen und als andere Jungen sich für Eisenbahnen und Autos begeisterten, zählte er die Spitzen der Kirchen.

In der Schule war Stefan Einzelgänger. "Ich war ein bissel ein Träumerle, lebte in einer Fantasiewelt." Da er keine Geschwister hat, war er für die sensible, liebevolle Mutter das Zentrum. Der Vater, ein eher strenger Mann, war der Gegenpol. Von der Mutter hat er auch die Liebe zu Chemnitz. Auf ihrem Arbeitsweg in das Stadtzentrum, den sie vor dem Krieg stets zu Fuß zurücklegte, ging sie mit offenen Augen und Herzen. Was sie sah, erzählte sie dem Sohn. Den faszinierte besonders die Nikolaikirche mit ihrem hohen, schlanken Turm, doch leider wurde sie nach einer Kriegsbeschädigung abgerissen.

Stefan Weber ist von Türmen schon von Kindheit an fasziniert."Als 1961 dann die St.-Pauli-Kirche an der Theaterstraße gesprengt wurde, war das ein großer Einschnitt für mich", beschreibt er. Noch entsetzter war er als 10-Jähriger über die Umbenennung seiner Stadt in Karl-Marx-Stadt. "Da begann ich, alles über das alte Chemnitz zu sammeln." Und er malte Fantasiestädte, in denen die geliebten Kirchen und Türme, die zerstört waren, ihren Platz fanden.

Nach der 8. Klasse musste er auf Drängen des Vaters eine Maschinenschlosserlehre absolvieren. "Meine Mutter wollte eigentlich, genau wie ich, dass ich etwas Künstlerisches lerne, denn ich hatte eine gute Stimme, malte gern und spielte Akkordeon", berichtet der große, schlanke Mann. Aber während der Lehre hatte er dann doch noch Glück: Man erkannte seine künstlerische Begabung und schickte ihn an die Arbeiter- und Bauernfakultät, als Vorbereitung auf ein Kunststudium. "Das scheiterte aber daran, dass ich mich nicht politisch organisierte", geht er in seiner bewegten Geschichte weiter. Bei der Armee hatte er erstaunlicherweise mehr Glück: Er saß hinter dem Schreibtisch, durfte öfters seiner Eignung als Maler nachgehen und nebenbei sogar eine Kochausbildung abschließen.

Nach dem Dienst bei der NVA ging er zielgerichtet in die Werbung, zur DEWAG, und qualifizierte sich zum Plakat- und Schriftmaler weiter. Von da ab begann ein Streifzug durch viele Chemnitzer Betriebe und Einrichtungen. "Ich wollte immer Konflikten aus dem Weg gehen, wenn irgendwo einer auftauchte, war ich weg", begründet er seine häufigen Wechsel. Ein Ausgleich dazu war der Chor der Schlosskirche, in den er 1966 eintrat. Nach einer Probe sollte ein Blick von der Gaststätte Miramar aus, wo die Chormitglieder ein Glas Bier tranken, sein Leben verändern. Der Blick ging in Richtung Turm der Schlosskirche. "Das muss ja romantisch sein, dort zu wohnen", sagte er zum damaligen Kantor Christoph Kircheis. "Da können Sie einziehen, das wird frei", antwortete der. Und so zog Stefan Weber 1970 in die Dienstwohnung des Küsters. Dessen Aufgaben übernahm er als Nebenjob: Das tägliche Aufziehen der Turmuhr und das Bedienen der Glocken.

1984 verstarb seine Mutter. Stefan Weber zerbrach fast an diesem Verlust. Unterstützt hat ihn in dieser schweren Zeit sein bester Freund und heutiger Türmerkollege Alexander Albrecht. Und auch Höhepunkte stellten sich wieder ein. So die Rückbenennung in Chemnitz, die er in einer Bürgerbewegung mit angestoßen hatte. Chemnitzer zu sein, dass erfüllt Stefan Weber mit Stolz und das gibt er gern weiter. Und viele seiner historischen Darstellungen in ganz Chemnitz zeugen davon.

(Quelle: Freie Presse Online)

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