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Chemnitz, 27.11.2008

Predigt zum 9. November 2008 (drittletzter Sonntag im Kirchenjahr)

Text: 1. Thess 5, 1-6

Von Carsten Rast (Pfarrer St.-Pauli-Kreuz-Kirchgemeinde)

Liebe Gemeinde,
9. November 1938, nachts 22.30 Uhr, überall im Reich erhalten Behörden des Innenministeriums, Gauleiter und SA-Mannschaften folgende Anweisung: „Sämtliche jüdische Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, dass keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können. Die Presse ist heranzuziehen. Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken. Jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur Wohnhäuser arischer Deutscher zu schützen, allerdings müssen die Juden raus, da Arier in den nächsten Tagen dort einziehen werden. Der Führer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift. Sämtliche Juden sind zu entwaffnen. Bei Widerstand sofort über den Haufen schießen. An den zerstörten jüdischen Geschäften, Synagogen usw. sind Schilder anzubringen mit etwa folgendem Text 'Rache für Mord an vom Rath. Tod dem internationalen Judentum. Keine Verständigung mit Völkern, die judenhörig sind.'"

In Chemnitz brennt – wie überall im Land – die Synagoge – öffentlich sichtbar – die Zerstörung des Judentums in Chemnitz.
Der Chef der Gestapo-Abteilung Heinrich Müller sandte um 23.55 Uhr ein Blitzfernschreiben an alle Leitstellen der Staatspolizei im Reich: Sie sollten sich raushalten, aber das Eigentum vor Plünderung bewahren.

Liebe Gemeinde,
"Können wir heute noch etwas anderes als schweigen?", fragte der Pfarrer und Theologe Helmut Gollwitzer 1938 in einer Predigt zum Bußtag wenige Tage später, als die Ausschreitungen, die Zerstörungen von jüdischen Geschäften und Synagogen und die Verhaftungen von ca. 30.000 Juden jedem und jeder bewusst waren, weil öffentlich sichtbar.
Können wir noch etwas anderes als schweigen?
Hilflosigkeit machte sich breit, Ohnmacht angesichts des Ungeheuerlichen. Wer soll denn heute noch predigen, wer soll denn heute noch Buße predigen? Ist uns nicht allen der Mund gestopft an diesem Tage? Können wir heute noch etwas anders als nur schweigen?
So fragt Helmut Gollwitzer angesichts der vom Staat initiierten und von fast allen Bürgern tolerierten öffentlich-handgreiflichen Gewalt gegen jüdische Mitbürger.

War der Schock zu groß, über das Unfassbare – dass alles was bisher gut und richtig war, auf einmal nicht mehr gelten sollte?

"Von den Zeiten und Stunden aber, liebe Brüder ist es nicht nötig euch zu schreiben, denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht.
Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr, dann wird sie das Verderben schnell überfallen, wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entfliehen", schreibt Paulus seiner Gemeinde in Thessaloniki.

Die Anzeichen waren schon länger deutlich, persönliche Rechte wurden entzogen, Berufsverbote ausgesprochen. Im März 1938 verlieren die Israelitischen Kultusgemeinden den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, die Geschäfte sind zu kennzeichnen mit der Aufschrift Jude oder dem Davidsstern, es gab eine reichsweite Judenkartei, und seit 38 musste jeder jüdische Bürger eine sog. Kennkarte bei sich tragen. All dies diente dazu, dass Juden schnell erkannt und verhaftet werden konnten.

Später sagen viele: "Wir haben nichts gewusst, wir haben nichts gesehen, nichts geahnt, das kam wie über Nacht, ganz plötzlich."

Finsternis, Hilflosigkeit Ohnmacht.

Können wir noch etwas anderes als schweigen?, fragt Helmut Gollwitzer.

Ja, es wäre vielleicht das Richtigste, wir säßen heute hier nur schweigend eine Stunde lang zusammen, wir würden nicht singen, nicht beten, nicht reden, nur uns schweigend darauf vorbereiten, dass wir dann, wenn die Strafen Gottes, in denen wir ja schon mittendrin stecken, offenbar und sichtbar werden, nicht schreiend und hadernd herumlaufen: Wie kann Gott so etwas zulassen? Ach wie viele von uns werden's dann ja tun und in ihrer Blindheit keinen Zusammenhang sehen zwischen dem, was Gott zulässt und dem, was wir getan und zugelassen haben …

Liebe Gemeinde,
Unfassbares Schweigen - damals, Gollwitzer behielt Recht: Die meisten schwiegen, die Menschen auf den Straßen schauten weg, die Kirchen schwiegen, die Christen - bis auf ganz wenige - traten nicht ein für die, die geschlagen und entrechtet worden sind, nicht für die Juden, die sowieso Christusmörder waren, die sich nicht bekehren wollten zur einzig wahren Lehre. Die deutschen Christen klatschten Beifall, ein evangelischer Landesbischof verschickte an seine Superintendenten judenfeindliche Lutherzitate, und die, die für die Juden eintratet - die sog. bekennende Kirche - forderte offiziell, nur die getauften Juden zu verschonen.

Unfassbares Schweigen –
Können wir mehr als nur schweigen, wenn wir uns heute erinnern, an diesen Tag, den 9. November 1938, den Beginn der Vernichtung des europäischen Judentums?
Können wir mehr als nur schweigen?

Paulus schreibt seiner Gemeinde in Thessaloniki, dass man über das Unfassbare eigentlich nichts sagen kann. Ja, liebe Gemeinde, wie sollte das auch möglich sein, über das zu reden, was sich keiner vorstellen kann, den Tag des Herrn, den Tag der als Gericht eine neue Zeit einleiten wird?
Und doch schreibt Paulus, weil klar ist, der Tag des Herrn kommt.
Gerade deswegen, weil man nichts sagen kann, weil man nichts weiß, gerade deswegen fordert, schreibt Paulus, mahnt seine Gemeinde, wachsam zu sein auf diesen Tag.
Lasst uns nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.
Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages.


13. Februar, Dresden 2008

und dann nahen sie heran, sehen kann man nicht viel, die Polizei hat alles dicht gemacht. Und in dem Moment kommen viele Schwarze aus allen Richtungen und pfeifen. Die Kaiserreichsflagge wird gehisst. Gefangen zwischen Erinnerungspropaganda an den so genannten Bombenholocaust und "Halt die Fresse" von der anderen Seite erreicht einen eine ganz andere Stimmung: Hilflosigkeit.

Nach einer Stunde Kälte zeigt sich an diesem Ort die volle Breite bürgerlichen Engagements gegen Rechtsextremismus in Dresden: Niemand ist mehr da. Dabei hätte es auf diesem großen Platz so viele Möglichkeiten gegeben, ein wirkliches Zeichen zu setzen. Das ist also die neue bürgerliche Scheinheiligkeit! Am schönen Samstagnachmittag für eine halbe Stunde spazieren gehen, pünktlich zu Kaffee und Kuchen wieder daheim. Ein Zeichen gesetzt. Flagge gezeigt. Während 2.000 Rechtsextreme, Gegner der Demokratie, Gegner von jedem Einzelnen von uns die erste Strophe des Deutschlandliedes erhaben von sich geben, flanieren auf der Prager Straße Jung und Alt. Traurig ist das, Noch viel trauriger ist allerdings, dass man noch nicht 'mal genau sagen kann, ob das Desinteresse wirklich Desinteresse ist oder stille Zustimmung.

Total unverständlich bleibt, dass alles sogar noch unter Polizeischutz geschieht.

So die Beobachtung eines jugendlich Engagierten gegen den Aufmarsch der Rechten.

Liebe Gemeinde, so lasst uns nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.

Sind die Anzeichen nicht überall deutlich: Hakenkreuze an Laternenmasten oder an Wänden von ausländischen Geschäften, juden- und ausländerfeindliche Parolen, Sprüche die andere Abwerten, die Vitschis, die Neger, die Türken, die Juden, die uns die Arbeitsplätze wegnehmen, die auf unsere Kosten leben, die unseren Kindern die Bildung versauen, die schuld sind, dass es uns schlecht geht.

Liebe Gemeinde, ihr wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird, wollen wir dann auch sagen: "Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient?"
So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein, denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und des Tages.

Liebe Gemeinde, wenn es einen Vergleichspunkt gibt zwischen dem Tag des Herrn, als Gerichtstag für die Menschen und den Ausschreitungen des 9. November 1938 so der, dass beides unfassbar ist und beides eine neue Zeit bedeutet.
Beide überschreiten die Grenze menschlichen Verstehens.

Mit dem 9. November 1938 beginnt die Zeit der sichtbaren Vernichtung des europäischen Judentums in den Arbeitslagern und Gaskammern der Konzentrationslager.
Können wir heute noch etwas anderes als nur schweigen?

Wollen wir auch sagen, wir haben es nicht gewusst? Ja, ist es denn schlimm, wenn Jugendliche wieder national bewusster werden, ist es verwerflich, wenn sie sich für soziale Gerechtigkeit engagieren, ist es verwerflich, wenn man trauert um die Bombenopfer des 2. Weltkrieges in deutschen Städten?
Lasst uns nicht schlafen, wie die andern, sondern wachen und nüchtern sein, denn ihr alle seid Kinder des Lichtes.

Liebe Gemeinde, Kinder des Lichts zu sein heißt, die Hintergründe beleuchten, die wahren Absichten erkennen , heißt Gewalt und Hass benennen, heißt Position beziehen, denn das lehrt uns das Jahr 1938, und das lehrt uns Paulus.
Schweigen erschafft keine bessere Zukunft, es gibt keine neutrale Mitte, es gibt nur die Auffassung, dass alle Menschen gleichwertig sind oder nicht nur Finsternis oder Licht. Ihr seid Kinder des Lichts und Kinder des Tages und überall, wo Menschen diskriminiert, kleingemacht, abgemindert werden durch Sprüche, Titel oder sogar öffentlichen Hass und Gewalt, gibt es für uns kein schweigendes Neutralsein. Angst macht sich breit durch immer brutalere Gewalt, Angst lässt viele verstummen, lässt viele schweigen. Schweigen auch wir aus Angst vor dem Tag des Herrn, werden auch wir sagen, wir haben es nicht gesehen, nicht gewusst?
Paulus mahnt: Schweigen schafft keine bessere Zukunft, schweigen heißt nicht neutral sein, schweigen heißt, der frechen und öffentlich sichtbaren Diskriminierung Raum geben.

Ihr aber seid Kinder des Lichts und nicht der Finsternis, weil Christus für uns gestorben ist.

Liebe Gemeinde, Paulus lässt das deutlich werden, wenn wir nicht reden über das, was uns erwarten könnte, dann wird es kommen, wie ein Dieb in der Nacht, dann werden wir überfallen, dann werden wir ohnmächtig und hilflos schweigen. Wir aber sind Kinder des Lichts und nicht bestimmt zum Zorn sondern zum Heil, weil Christus für uns gestorben ist.
Wollen wir das verschweigen? Und dann am Tag des Herrn antworten, wo haben wir dir nicht gedient?
Wir sind Kinder des Lichts, deswegen schaut hin, ermahnt, erkennt, benennt, wo andere klein gemacht, rechtlos gemacht, hilflos gemacht werden.

Ihr seid Kinder des Lichts, weil Christus für euch gestorben ist, deswegen können wir heute mehr als nur schweigen, weil Gott uns nicht bestimmt hat zum Zorn sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus, der Jude war, der hilflos gemacht wurde, rechtlos, diskriminiert wurde und erschlagen wurde.
Habt keine Angst, denn Christus ist an eurer Seite, deswegen können wir heute mehr als schweigen, denn wir leben mit Christus in dieser Welt. Habt keine Angst, schweigt nicht, denn ihr alle seid Kinder des Lichts.
Für die, die hilflos, rechtlos, klein gemacht werden, tretet ein für die, die stumm gemacht werden. Dafür seid ihr Kinder des Tages, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil, für Juden und Christen, für Rechtlose und Stumme, für Hilflose und Ohnmächtige, für alle Menschen, für die der Jude Jesus Christus gestorben ist.

AMEN

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